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Dein Lese-Letter zur Wochenmitte
Kalenderwoche 14/2025
Hallo Medieninsider!
Schön, dass du dabei bist! Was dich in dieser Woche unter anderem im Lese-Letter erwartet:
► Geschichte einer Entfremdung: Der neue Pressesprecher von Axel Springer hadert offenbar mit seiner Rolle (Editorial)
► Umsatzoptimierung: Die Welt verlangt von ihren Abonnenten Zusatzgebühren für digitale Events – mit interessanten Ergebnissen (direkt zum Artikel)
► Zweiklassengesellschaft: Dass Louis Klamroth mit Hart aber fair auf Sendung bleibt, kostet ihn die Anteile an der Produktionsfirma – für Caren Miosga und Sandra Maischberger gilt das nicht (direkt zum Artikel)
► Neue Trends bei TikTok: Simon Pycha analysiert, mit welchen Inhalten Publisher im März erfolgreich waren und wie sie ihre Strategien anpassen (direkt zum Artikel)
► Ippen Media brüstet sich mit einem „KI-Volontariat“ – was innovativer klingt als es ist (am Ende des Newsletters)
Die Verwandlung
Neulich sprach ich mit dem Gründer einer PR-Agentur über so genannte Seitenwechsler, also über Kommunikationsberater, die zuvor im Journalismus waren. Der Gründer, selbst zuvor kein Journalist gewesen, erzählte mir mit einer gewissen Bewunderung davon, mit welcher Ernsthaftigkeit ehemalige Journalisten sogar vermeintlich harmlose Anfragen behandelten. Ignoriert werde möglichst nichts. Das habe auch mit Respekt vor dem Job der Fragesteller zu tun.
Nun ist Pressearbeit gewiss nicht dazu da, um es Journalisten möglichst einfach zu machen. Ein gewisses Berufsethos im Sinne der freien Meinungsbildung und Stärkung der Demokratie schadet allerdings auch der PR-Branche nicht – womit wir in der Pressestelle von Axel Springer angekommen sind.
Der Medienkonzern („We empower free decisions“) gibt sich als Bollwerk der Meinungs- und Pressefreiheit. Unermüdlich spricht CEO und Verleger Mathias Döpfner von starkem Journalismus und dessen Bedeutung für die Demokratie. Axel Springer wäre aber nicht Axel Springer, würde es nicht zugleich den Widerspruch leben. Das gilt auch für den Umgang mit anderen Journalisten, die den Einfluss und Doppelstandards kritisch hinterfragen.
Springer verlegt mit Bild einen der angriffslustigsten Titel des Landes, gibt sich selbst bei kritischen Fragen aber traditionell schmallippig. Überhaupt bezieht der Verlag nur dann Stellung, wenn es kaum noch einen anderen Ausweg gibt, wie unter anderem die Reichelt-Affäre gezeigt hat. Diesem ohnehin widersprüchlichen Verhalten setzt der Konzern nun aber noch eins drauf.
Journalisten, die nicht zum eigenen Haus gehören oder nicht zur Selbstdarstellung der Springer-Akteure einladen, werden nicht einmal mehr schmallippig abgespeist, sondern weitgehend ignoriert, ihre Arbeit sogar torpediert. Jüngstes Beispiel: das Handelsblatt.
Die Wirtschaftsjournalisten recherchierten schwerwiegenden Vorwürfen gegen Idealo-Manager Martin Sinner hinterher, konfrontierten vor Berichterstattung ordnungsgemäß, um die Gelegenheit zur Einordnung zu geben. Die Reaktion des Konzerns: eine allgemeine Pressemitteilung, die lediglich über einen Führungswechsel informierte.
Abgesehen davon, dass solche Maßnahmen eine gewisse Hilflosigkeit zum Ausdruck bringen, schaffen sie vor allem eines: dem Ansehen des (Medien-)Unternehmens zu schaden und Vertrauen zu untergraben. Die Berichterstattung über Fakten und Hintergründe erfolgt schließlich trotzdem und offenbart damit auch noch die damit verbundene Unaufrichtigkeit.
Das kommunikative Vorgehen des Springer-Konzerns ist längst keine Ausnahme mehr. Die Pressestelle ist eine kommunikative Einbahnstraße geworden. Auch von Medieninsider blieb in den vergangenen Monaten fast jede Anfrage ohne jede Reaktion. Eine Ausnahme: Ein Anwaltsschreiben, das eine kritische Recherche verhindern sollte.
Springers Schweigen hat möglicherweise mit einem Strategieschwenk zu tun, der zeitlich mit einer entscheidenden Personalie zusammenfällt: dem Wechsel des Kommunikationschefs. Dieser heißt seit vergangenem November Peter Huth.
Huth, Jahrgang 1969, ist ehemaliger Journalist und steht seit etwa 30 Jahren im Dienste Springers, die meiste Zeit davon als Chefredakteur der B.Z., die im Schatten des Schwesterblatts Bild um die Hoheit im Berliner Zeitungsmarkt kämpfte. Mit kreativen und bissigen Titelseiten gelangen Huth zwar immer wieder Achtungserfolge, am Medienwandel und dem Rückbau der Redaktion konnten diese aber auch nichts ändern. Nach weiteren zwei Jahren an der Spitze der Welt am Sonntag wurde 2019 auch dort reformiert. Huth bekam den auf Konzernebene neu geschaffenen Posten des „Corporate Creative Director“, als der er Veranstaltungen wie den Axel Springer Award oder die Eröffnung des Neubaus konzeptionell betreuen sollte. Bei der Welt sollte er Autor bleiben.
Man musste zur Berufung des neuen Kommunikationschefs nicht wie die Taz gegen einen „gut abgehangenen“ Mitarbeiter giften, um seine Überraschung über diese Personalentscheidung deutlich zu machen. Die Rückkehr vom Abstellgleis auf die aktive Schiene ist ungewöhnlich. Nun steht er als erster gelernter Journalist auf dem strategisch wichtigen Konzernposten, der in den vergangenen Jahren als Schleudersitz galt. Nach der langjährigen Döpfner-Vertrauten Edda Fels blieb keiner der Nachfolger länger als zwei Jahre und neun Monate im Amt. Dafür ist Fels noch immer da, mischt wenn auch ohne offizielle Funktion weiter im Hintergrund mit. Eine merkwürdige Konstellation und möglicherweise schwer auszuhalten – wie sich womöglich an anderer Stelle zeigt:

Wortkarg gegenüber Journalisten, dafür auffällig ausfällig bei Linkedin: Mit Start im neuen Job hat Huth die Karriereplattform für sich entdeckt und führt seither ein rudimentäres „Tagebuch“. Da raunt und richtet er über Radiojournalisten, die lieber mit einem Experten-Interview auf Sendung gehen als mit Aussagen eines Pressesprechers. Da ist die „Politik-Illustrierte“ mit ihrem „Obermedienbeobachter“, der es ebenso wie ein „notorischer Medieneingeweihter“ gewagt hat, Kritik zu üben. Da ist die Beschwerde über Berichterstattung unter Berufung auf anonyme Quellen und die ewige Klage über Voreingenommenheit – und das alles von einem der Pressesprecher, der (nach 40 Jahren im Journalismus) die Ziele seiner Kritik nicht beim Namen nennen will (Deutschlandfunk, Spiegel, Medieninsider), für den Konzern unangenehme Anfragen ignoriert anstatt einordnet und selbst lieber diffamiert anstatt zu konfrontieren.
Das „schlampig“ geführte „Tagebuch“ des Pressesprechers liest sich wie eine kreative Selbsttherapie, deren erster Eintrag womöglich Bände spricht. Darin beschreibt Huth sich selbst in der Rolle von Gregor Samsa. Der Protagonist aus Kafkas Die Verwandlung findet sich eines Tages im Körper eines „ungeheueren Ungeziefers“ wieder. Eine Erklärung gibt es dafür nicht. Es ist die Geschichte einer Entfremdung und Isolation.
Unter dem Deckmantel von Ironie und Sarkasmus bleibt die unkomfortable Wahrheit des neuen Pressesprechers nicht verborgen, der seine Rolle zudem dramatisch fehlinterpretiert, wenn er nicht anders weiter weiß, als Beleidigung und Beschimpfung zum Stilmittel seiner Kommunikation zu erklären. Zwar dürfte der Springer-Manager mit seinen Postings vor allem darauf abzielen, die im Konzern gelebte Wagenburgmentalität nach außen auszustrahlen. Wer sich vom Korpsgeist nicht fangen lässt, findet das jedoch befremdlich. „Er schreibt darüber, wie scheiße er den Job findet. Sonst nix. Und dann noch auf eine Art und Weise, dass die allermeisten gar nicht verstehen, worüber er schreibt“, kommentiert mir gegenüber ein anderer Kommunikationsprofi. Und ein Journalist aus dem eigenen Haus schreibt mir: „Es wird weiterhin um ihn gehen, nicht um den Ruf des Hauses, was doch eigentlich sein Job wäre.“
Und Huth selbst? Von ihm wollte ich natürlich erfahren, was er mit seinem „Tagebuch“ bezwecken will und was es damit auf sich hat, dass Springer speziell Medieninsider-Anfragen unbeantwortet lässt. Ich habe ihn damit konfrontiert, dass mehrere Quellen übereinstimmend berichten, dass es eine bewusste Entscheidung sei und es sogar so etwas wie ein Kommunikationsverbot mit Medieninsider gebe. Überraschenderweise gab es eine Antwort. In diesem Fall sogar sechs Stunden vor Fristablauf:
Wie diese Antwort belegt, gibt es kein ‘Kommunikationsverbot’, was Medieninsider betrifft.
So klingt eine Antwort, wenn man Kommunikation als Kampf versteht. Die restlichen Fragen ließ er natürlich wenig überraschend unbeachtet, wie Springer auch eine weitere Anfrage unbeantwortet ließ. Letzteres ist auch deshalb bedauerlich, weil sich das Unternehmen bei diesem Thema als das hätte präsentieren können, was es nämlich auch ist: ein experimentierfreudiges Haus, in diesem Fall mit spannenden Ansätzen für Paid Content. Wir berichten trotzdem. Denn der Journalismus von Medieninsider ist unabhängig vom Wohlwollen der Unternehmen, über die wir berichten wollen – in jeder Hinsicht.
In diesem Seminar am 08.04. geben wir dir das Wissen an die Hand, damit du KI-Agenten für alltägliche Dinge bauen kannst, aber auch Prototypen und andere hilfreiche Dinge – und das alles ohne große Kosten.


Alle Veranstaltungen findest du auf medieninsider.com/events

► Ex-Territory-Chefin (Gruner + Jahr) Sandra Harzer-Kux soll NDR-Intendantin werden (mehr erfahren).
► Martín Varsavsky verlässt Springer-Aufsichtsrat nachdem er die redaktionelle Unabhängigkeit von Politico infrage gestellt hat, berichtet Euractiv (mehr erfahren). Er war zuvor bereits negativ aufgefallen (mehr erfahren).
► Nach dem Aus der Idealo-Geschäftsführung übernimmt Springer-CFO Mark Dekan die Führung. Bei der „Premium“-Gruppe musste bereits Konzern-COO Claudius Senst einspringen.
► Technologische Innovation darf nicht zum Ausverkauf journalistischer Inhalte führen“: BDZV-Chef Matthias Ditzen-Blanke kritisiert AI-Summaries in Google-Ergebnissen (mehr erfahren).
► Mehrwertsteuer für Presseprodukte soll wegfallen: Frag den Staat veröffentlicht den Stand der Koalitionsverhandlungen für Medien und Kultur (mehr erfahren).
► Nutzungszahlen auf niedrigem Niveau: SWR stellt von Verlagen angefochtene App Newszone ein (mehr erfahren).
► Bertelsmann schneidet im US-Markt erstmals stärker ab als in Deutschland. CEO Rabe will trotz Trump weiter expandieren (mehr erfahren).
► Inhalte, Vermarktung und Vertrieb: Die Hamburger Morgenpost schließt eine Kooperation mit der NOZ (mehr erfahren).
► Das Manager Magazin beschreibt die Rolle von Laurene Powell Jobs, der Witwe von Apple-Ikone Steve Jobs, in den USA und als philanthropisches Bollwerk gegen Trump und die MAGA-Bewegung. Laurene Powell Jobs gehört The Atlantic, dessen Chefredakteur in der vergangenen Woche die Chats der Sicherheitsberater offengelegt hat (mehr erfahren).
Kosten, aber keine Mühen gescheut
Beim Medienhaus Ippen weiß man bekanntlich mit Geld umzugehen und auch die Mechanismen des oberflächlichen Online-Journalismus für sich zu nutzen. Darum hat man auch auf der Suche nach neuen, günstigen Arbeitskräften – besser bekannt als Volontäre – Kosten, aber keine Mühen gescheut.
Anstatt auf Stellenausschreibungen zu setzen, hat man einfach eine Pressemitteilung aufgesetzt. Und damit das auch funktioniert, hat man dem Titel gleich einen innovativen Schliff verpasst.
Bei Ippen Media kann man jetzt „AI Content Volontär“ werden. Und man verkündet stolz: Diesen Zuschnitt bietet man als „erstes Medienhaus in Deutschland“ an.
Empirisch belegt ist das natürlich nicht. Auch andere Medienhäuser und vor allem Journalistenschulen integrieren natürlich bereits den Umgang mit künstlicher Intelligenz in die Ausbildung. Sie tragen nur nicht so dick auf. Was Ippen ausschreibt, ist keine Innovation, sondern das, was jeder Auszubildende in einer Redaktion erwarten können sollte.
Funktioniert hat der PR-Hack trotzdem. Die „Meldung“ lief über die gängigen Branchendienste, die dem Spin sogar noch eines draufgesetzt haben: von „Pionierarbeit“ war bei Kress.de zu lesen.
Ippen Media ist übrigens das Medienhaus, dessen Verleger vor einiger Zeit eine investigative Recherche über die Unternehmenskultur bei Bild verhindert hat und zahlreiche Onlineportale ohne Rücksicht auf journalistische Tugenden auf Reichweite und Clickbait ausrichtet. Dafür lässt man der KI auch freien Lauf, also ungeachtet Quatsch produzieren.
In der Stellenausschreibung zum KI-Volontär wird übrigens auch der „klassische“ Teil der Journalistenausbildung angerissen. Vielleicht konzentrieren sie sich erst einmal darauf.
Viele Grüße
Marvin
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